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Herausforderungen der Lehrevaluation – Beitrag in der Zeitschrift „Forschung & Lehre“

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Forschung & Lehre“ wird das Thema Lehrevaluation beleuchtet. Tobias Wolbring, Post-Doc an der ETH Zürich und Autor des Buches „Fallstricke der Lehrevaluation“ weist nach, dass die Evaluation einer Lehrveranstaltung nicht nur durch die eigentlich zu messende Lehrqualität, sondern auch durch weitere Faktoren beeinflusst wird.

Lehrveranstaltungsevaluationen werden inzwischen flächendeckend eingesetzt und mit einer positiven Bewertung werden häufig (finanzielle) Anreize für gute Lehre oder auch Entscheidungen in Berufungsverfahren verbunden. Allerdings setzt eine solche Nutzung der Evaluationen voraus, dass diese einerseits das messen, was sie zu messen vorgeben (also die Lehrqualität), andererseits aber auch über Veranstaltungen hinweg vergleichbar sind. Dieser Blogbeitrag geht auf Basis des Artikels von Tobias Wolbring der Frage nach, inwieweit diese beiden Voraussetzungen erfüllt sind.

In empirischen Untersuchungen der Lehrevaluationen an der LMU München konnte Tobias Wolbring nachweisen, dass sich die Bewertung aufgrund folgender Faktoren der Studierenden systematisch unterscheidet:

  • Note der Hochschulzugangsberechtigung
  • Personen mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunktfach in der Schule
  • Wahlveranstaltungen gegenüber Pflichtveranstaltungen und
  • Vorinteresse an den Veranstaltungsinhalten.

Neben diesen Unterschieden in der studentischen Erwartungshaltung gibt es weitere Einflussfaktoren auf die Lehrevaluation, die ausserhalb der eigentlichen Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden liegen. Beispiele hierfür sind die physische Attraktivität der Dozierenden sowie Zeitpunkt der Notenerhebung. Während der erste Effekt im Durchschnitt nicht sehr ausgeprägt ist, bedeutet eine anspruchsvolle Klausur (welche vor dem Zeitpunkt der Evaluation) stattfindet, automatisch eine schlechtere Lehrevaluation. Die Evaluation bewertet in diesem Fall also nicht die eigentliche Lehrqualität, sondern andere – bestenfalls zumindest noch mit der Lehre im Zusammenhang stehende – Aspekte.

Zusätzlich zu den oben genannten Einflussfaktoren auf Seiten der Studierenden hat auch die Befragungsart (online oder per Papier) und die damit verbundene Teilnehmerschaft an der Evaluation einen Einfluss auf die Evaluationsergebnisse. Insbesondere bei papierbasierten Evaluationen am Semesterende werden diejenigen, die nicht mehr an der Lehrveranstaltung teilnehmen, nicht mehr erreicht. Diese sind aber tendenziell unzufriedener. Auch bei empirischen Untersuchungen wurde dieser Zusammenhang nachgewiesen. Es kann also auch aufgrund dieser Einflussfaktoren nicht von einer Vergleichbarkeit der Lehrevaluationen ausgegangen werden.

Letztlich bedeutet dies natürlich nicht, dass Lehrevaluationen nicht ein sehr sinnvolles Reflexionsinstrument für Lehrende darstellen. Allerdings sind die Ergebnisse und insbesondere ein Vergleich über mehrere Veranstaltungen hinweg mit Vorsicht zu betrachten. Wie auch der Ursprungsartikel von Tobias Wolbring ist auch dieser Beitrag „keineswegs als Plädoyer für die Abschaffung studentischer Lehrveranstaltungsbewertungen zu verstehen“! Es sei allerdings vor den möglichen negativen Folgen eines unreflektierten Einsatzes der Lehrevaluationen gewarnt.

Quelle: Wolbring, T. (2013). Fallstricke der Lehrevaluation. In: Forschung & Lehre, 20(12). Online verfügbar unter http://www.forschung-und-lehre.de/wordpress/?p=14868