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Rückblick: Friday Lecture an der Universität Wien

Anfang März war ich eingeladen, eine Friday Lecture zum Thema „Kompetenzorientierte Entwicklung von Studien“ an der Universität Wien zu halten. Die Friday Lectures werden organisiert vom Center for Teaching and Learning (CTL) der Universität Wien und ca. fünfmal pro Semester angeboten. Sie drehen sich um verschiedene Themen zum Lehren und Studieren.

In meinem Vortrag habe ich die Grundhaltung der Kompetenzorientierung aufgegriffen und anhand von drei Fallvignetten Möglichkeiten der kompetenzorientierten Gestaltung von Studiengängen illustriert.

In den Fallvignetten wurden folgende drei Aspekte vertieft:

  • Kompetenzorientierte Formulierung von Lernzielen
  • Kompetenzorientierte Gestaltung von Lehrveranstaltungen und Studienprogrammen
  • Kompetenzorientiertes Prüfen

Entsprechend hat folgendes Ordnungsraster, das in Teilen auf dem Fachgutachten zur Kompetenzorientierung von Niclas Schaper, Universität Paderborn, basiert, den Vortrag geleitet:

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Sehr spannend waren die Diskussionen, die nach jeder Fallvignette mit dem Publikum geführt wurden. Dabei wurde beispielsweise von der Erfahrung in Beratungen berichtet, dass kompetenzorientierte Lernziele trotz allem administrativen Aufwand, der mit ihrer Formulierung einhergeht, ein gutes Gerüst für die Lehrpersonen bieten, um über ihre Veranstaltungen und deren Ergebnisse zu reflektieren. Gleichzeitig wurde auch immer wieder angemerkt, dass die Motivation der Lehrenden für die Weiterentwicklung ihrer Veranstaltungen ausschlaggebend ist, damit Kompetenzorientierung ihr Potenzial entfalten kann und dass die Übersetzung der didaktischen Modell in die Lehrpraxis für alle Beteiligten eine Herausforderung darstellt.

Meine Quintessenz im Vortrag war – ausgehend von unseren Erfahrungen – , dass im Rahmen der Studiengangsentwicklung ein Prozess geleitet von zielgruppenorientierten Leitfragen (anstelle von Kompetenzmodellen) erfolgsversprechend ist. Auf diese Weise streben wir an, die Diskussion mit den Vertretern/-innen der Studienprogramme auf Augenhöhe und in ihrer Sprache zu führen, anstelle sie mit didaktischen Modellen zu überladen. Letztlich münden die Diskussionen dann doch in einem Kompetenzmodell, das aber eher über einen indirekten Weg entsteht. Für uns ist das im Moment der angemessene Weg, um nachhaltig zur Weiterentwicklung unserer Studiengänge beizutragen.

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Zwei Projekte – eine Herausforderung: Education for sustainable development an der Universität St.Gallen

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Die abgebildete Word-Cloud wird in diesem Beitrag dazu genutzt werden, zwei Projekte der Hochschulentwicklung vorzustellen, die die Zieldimension „Education for sustainable development“ teilen, die als aktuelle gesellschaftliche Leitidee in allen Bildungsbereichen diskutiert wird. In der Word-Cloud selbst ist die Begriffshäufigkeit der beiden Projektanträge visualisiert.

Die Lehre an einer Wirtschafts-Hochschule, in der diese beiden Projekte realisiert werden, erhält besondere Aufmerksamkeit, da die Anforderungen der wirtschaftlichen Praxis im Interesse einer globalisierten Gesellschaft verantwortungsvolle Führungskräfte verlangt.

In ihren Leitsätzen zur Verantwortung und Nachhaltigkeit bekennt sich die Universität St. Gallen zu der „Aufgabe, zur Bewältigung der Herausforderungen von Verantwortung & Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft beizutragen und deren Anforderung in alle unsere Aktivitäten zu integrieren“ und sind so unmittelbarer institutioneller Bezugspunkt für die vorgestellten Projekte.

1.)  Worin besteht die „Entwicklung“?

In beiden Projekten wird jeweils ein geeigneter Rahmen entwickelt, innerhalb dessen Kompetenzerwerb hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung ermöglicht wird.

Im ersten Projekt, geleitet von Frau Prof. Dr. Taiga Brahm, wird das bestehende BWL-Curriculum des Bachelors BWL der Universität St. Gallen dahingehend weiterentwickelt, dass Studierende eine Kompetenz hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung erwerben können. Im Gegensatz zu vielen existierenden Bildungsangeboten, die eine komplette Lehrveranstaltung dem Thema „Sustainable Development“ widmen, ist das Ziel dieses Projekts, Kompetenzerwerb hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung durch das gesamte Curriculm hinweg zu stärken. („Development of a Curriculum Integrating Sustainable Development in Management Education“) 

Im zweiten Projekt, geleitet von Frau Prof. Dr. Sabine Seufert, wird ein Toolkit entwickelt, das Lehrenden einen systematisierten Zugang zu Unterrichtsressourcen bietet. Mit diesen können sie in ihren Lehrveranstaltungen Kompetenzen hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung ihrer Studierenden entwickeln. Überdies wird es dieses Toolkit im Rahmen des Faculty Developments Lehrenden ermöglichen, sich über die Ressourcen auszutauschen und diese zu ergänzen. So wird ebenfalls die Entwicklung von Expertise über das Lehren von nachhaltiger Entwicklung ermöglicht. („Educational Sustainability Toolkit for Faculty“)

2.)  Was bedeutet „nachhaltig“?

Zur inhaltlichen Dimension ist der gemeinsame Ausgangspunkt in der Literatur meist das Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung. Dieses sieht für alle Disziplinen eine möglichst gleichberechtigte und gleichzeitige Berücksichtigung von wirtschaftlichen, sozialen sowie ökologischen Zielen vor. Mit Blick auf die englischen Begrifflichkeiten kann man von den neuen „3Ps“ sprechen.Unbenannt2

Die beiden vorgestellten Projekte fokussieren darüber hinaus insbesondere Nachhaltigkeit in ihrer didaktischen Dimension. Durch die Förderung von kritischem Denken, interdisziplinärem Problemlösen und individueller Verantwortlichkeit, soll das inhaltliche Thema „Nachhaltigkeit“ auch tatsächlich nachhaltig in Lehren und Lernen implementiert werden.

3.)  Was soll bei der Gestaltung von Bildung hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung Berücksichtigung finden?

Gemeinsamer Ausgangspunkt beider Projekt ist die Entwicklung eines Verständnis über die ‒ nennen wir sie an dieser Stelle ‒ „Nachhaltigkeits-Kompetenz“ der Studierenden. Zu dieser gehört neben dem Wissen über Nachhaltigkeit auch, dass Studierende in der Zukunft ebenso nachhaltig handeln und schlussendlich eine entsprechende Einstellung entwickeln.

Prägend für beide Projekte ist die unmittelbare Entwicklung der Konzepte für bestehende und geplante Lehrveranstaltungen in Zusammenarbeit mit den Lehrenden. Diskussionswürdige Aspekte zum Verständnis und dessen inhaltlicher und didaktischer Umsetzung können so im Gestaltungsprozess Berücksichtigung finden und weiter präzisiert werden.

Eine zusätzliche wichtige Austauschplattform im Gestaltungsprozess wird der Sustainable University Day sein. Alle Projekte, die im Rahmen des „Sustainable Development at Universities Programme“ der Schweizer Universitätskonferenz gefördert werden, wie auch die beiden vorgestellten, sind eingeladen, sich über ihre Vorhaben zur „Education for sustainable development“ auszutauschen. Sicherlich werden wir an dieser Stelle wieder berichten.

 

 

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Leute, wir sind an einer UNI

Als Beitrag zum Themenheft „Studienprogrammentwicklung“ der Zeitschrift für Hochschulentwicklung habe ich mich in einem Beitrag mit der Bedeutung akademischer Kulturen für die Lehrentwicklung befasst. Im wesentlichen geht es mir darum, auch und gerade im Rahmen des „Shift from Teaching to Learning“ nicht zu vergessen, in welchem Kontext wir uns befinden – in der Wissenschaft. Angesichts der ganz spezifischen Merkmale akademischer Karrierewege, Persönlichkeiten und Kulturen sollten sich Lehrentwickler/-innen bewusst sein, dass eine Abkehr von der disziplinären Sichtweise bisweilen eine grosse Herausforderung für Lehrende darstellt. Warum genau und an welchen Stellen man besonders aufmerksam in Bezug auf akademische Kulturen sein sollte, kann man im Beitrag nachlesen:

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Neu, besser, exzellent? Wie das Neue in die Hochschullehre kommt – oder auch nicht.

Am Montag, den 03. März war ich auf Einladung des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft als Impulsgeber auf der Tagung „Neu, besser, exzellent? Über Innovationen in der Hochschullehre“. Es war die zweite Lehr/-Lernkonferenz im Rahmen des Fellowship-Programms der Baden-Württemberg Stiftung, der Joachim Herz Stiftung und des Stifterverbands, das innovative Lehrende bei ihren Projekten an Hochschulen unterstützt. Neben Prof. Dr. Isa Jahnke durfte ich als zweiter Redner der Frage nachgehen, wie das Neue in die Hochschule kommt. Kommentiert wurden beide Inputs von Prof. Dr. Wolfgang Jütte, der die Begleitforschung des Fellowship-Programms verantwortet. Ich übernahm den kritischen Part: Unter dem Titel „Viel Neues und doch keine Innovation!?“ ging ich der Frage nach, welche Hindernisse einer nachhaltigen Implementation von Lehrinnovationen entgegenstehen. Download:

Jenert, T. (2014). Viel Neues und doch keine Innovation!? Fünf Thesen, warum es die Lehrentwicklung an Hochschulen schwer hat. Zweite Lehr-/Lernkonferenz des Fellowship-Programms für innovative Lehre, 02. März, Berlin.

Neben dem Input besuchte ich noch einen Workshop der Arbeitsgruppe „Medizin“, in der drei Projekte von Fellows vorgestellt wurden. Interessant war für mich, dass die Mediziner ähnliche Herausforderungen für die Lehre beschrieben, wie wir sie auch in der Management-Ausbildung kennen. Es gibt ein „Gefühl“, dass die Studierenden nicht unbedingt gut auf jene Kompetenzen geprüft werden, die später für eine gute klinische Praxis ausschlaggebend sind. Gleichzeitig lassen die Rahmenbedingungen aber oft nur unbefriedigende Prüfungsstrukturen (vielfach Multiple Choice) zu. Einen interessanten Ansatz brachte in diesem Kontext Dr. Tobias Raupach, der so genannte Key-Feature-Assessments einsetzt, um tatsächliche diagnostische Kompetenz zu prüfen und zwar mit vergleichbarem Aufwand wie bei Multiple Choice-Prüfungen. Auf jeden Fall werde ich noch genauer drüber nachdenken, ob man diese Art der Prüfung auch in unseren wirtschaftswissenschaftlichen Kontexten einsetzen könnte.

Insgesamt eine sehr interessante Erfahrung und ein lehrreicher Tag in Berlin.

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Rückblick auf den Besuch an der Zeppelin-Universität

Im Februar 2014 war ich an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen zu Besuch. Zweck des Besuchs war der Austausch zwischen dem dortigen Lehrstuhl für Hochschuldidaktik und unserem Team für Hochschulentwicklung mit dem Ziel, gemeinsamen thematische Interessen zu identifizieren und zu vertiefen. Zunächst nochmals herzlichen Dank an Dr. Sandra Hofhues und Prof. Dr. Gabi Reinmann für die freundliche Aufnahme vor Ort und die Organisation des Besuchs.

Rückblickend lassen sich drei Themenstränge identifizieren, die in den Gesprächen mit verschiedenen Vertretern/-innen der ZU immer wieder aufkamen. An dieser Stelle möchte ich nicht nur die thematische Diskussion zusammenfassen, sondern auch den Bezug zu unserer eigenen Arbeit im Team Hochschulentwicklung herstellen.

1. Wie muss die Hochschulentwicklung an einer Universität verankert werden, um die Qualität der Lehre verbessern zu können?

Der Lehrstuhl für Hochschuldidaktik wurde im vergangenen Herbst an der ZU eingerichtet. Immer wieder kam nicht nur deswegen die Frage auf, wie sich Hochschulentwicklung und Hochschuldidaktik innerhalb einer Hochschule positionieren müssen, damit sie wirksame Veränderungen im Hinblick auf die Lehre erreichen können. Im Vergleich zu vielen anderen deutschen Hochschulen ist der Lehrstuhl für Hochschuldidaktik strategisch sehr hoch aufgehängt, da Gabi Reinmann in Personalunion gleichzeitig Vizepräsidentin für Lehre und Didaktik an der ZU  ist. Unsere Situation in St. Gallen ist einerseits ählich, da Dieter Euler als Delegierter des Rektorats für Qualitätsentwicklung ebenfalls eng mit der Hochschulleitung zusammenarbeitet. Andererseits ist unsere Situation aber auch deutlich anders, da das Team Hochschulentwicklung in das Institut für Wirtschaftspädagogik eingegliedert ist und sich unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeiten nicht nur auf den Kontext der Hochschule, sondern auch auf Schulen und Betriebe beziehen.

2. Wie kann Studienprogrammentwicklung an einer Hochschule gestaltet werden?

Bereits in einem Beitrag in der ZfHE im Jahr 2010 stellten Tobias Jenert und ich fest, dass Programmverantwortliche i.d.R. im so genannten „Third Space“ (z. B. Whitchurch, 2008, 2010) agieren, d.h. eine Mittlerfunktion zwischen der Akademia und der Administration an einer Hochschule wahrnehmen. Auch an der ZU ist diese Position sehr deutlich spürbar. Ähnlich wie an der Universität St. Gallen wird die Rolle der Verantwortlichen für ein Studienprogramm (an der ZU Programmdirektoren genannt) von einer speziell mit dieser Aufgabe betrauten Person ausgefüllt, was zu einer hohen Professionalisierung des Programmmanagements führt. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie die strategische Weiterentwicklung des Studiengangs dauerhaft vorangetrieben werden kann. Besonders bedeutsam erscheint an beiden Institutionen eine enge Verbindung und häufige Kommunikation mit den Lehrenden und Lernenden im Studiengang.

3. Wie kann man Angebote für die Zielgruppe der (Nachwuchs-)Lehrenden gestalten?

Sowohl für die ZU als auch für die HSG besteht die Herausforderung, im Rahmen des lehrbezogenen Faculty Development ansprechende Angebote für die Zielgruppe der (Nachwuchs-)Lehrenden zu entwickeln. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit diese Angebote immer zielgruppenorientiert sein müssen oder ob es für die Weiterentwicklung der Zielgruppen nicht zielführender wäre, hier auch einmal aus dem Gewohnten auszubrechen. Anschliessend daran ist zu diskutieren, wie viel Verpflichtung man eigentlich für die Qualität(sentwicklung) der Lehre erreichen kann. Dabei ist in den Diskussionen immer wieder aufgefallen, dass verschiedene Ansprüche an die Studierenden getragen werden (z. B. Interdisziplinarität, Eigenverantwortung), die aber von den Lehrenden nicht oder nur teilweise gelebt werden.

Diese (und weitere) Felder werden uns im Team Hochschulentwicklung in der Zukunft sicherlich weiterhin beschäftigen. Wir freuen uns auf den Austausch und das gemeinsame Weiterdenken mit der ZU!

MOOCs an Hochschulen: Wiederentdeckung des Blended Learning?

Die MOOC-Diskussion (MOOC – Massive Open Online Course) hatte bislang ja einen recht typischen Charakter für den Bereich des technologieunterstützen Lernens: Die einen sehen darin (wieder einmal) eine Revolution und die Chance, Bildung weltweit zu demokratisieren. Die anderen mahnen angesichts des didaktischen Konzepts von vorgestern.

Interessant ist daher zu beobachten, wie die Anbieter von MOOCs unter einem steigenden ökonomischen Druck versuchen, Erträge aus dem eigentlich freien Bildungsangeboten schlagen:

  • Einige (z.B. Coursera) streben an, sich über kostenpflichtige Weiterbildungsangebote für Unternehmen zu finanzieren.
  • Auch der Verkauf von Lernenden-Daten an Unternehmen ist im Gespräch.
  • Eine aus didaktischer Sicht besonders beachtenswerte Finanzierungsschiene, weil sie den Charakter von MOOCs verändert: Zunehmend versuchen MOOC-Anbieter, zusammen mit einzelnen Universitäten, massgeschneiderte Studienprogramme auf den Weg zu bringen. Ein gutes Beispiel liefert „2U“: Dieser Anbieter stellt in Kooperation mit Partneruniversitäten ganze Semesterprogramme zusammen, die mit Credits belohnt werden. Es handelt sich um eine Mischung aus MOOCs, Online Selbstlernmaterialien, „Präsenzelementen“ wie Virtual Classrooms u.a.m.

„After a year in which the top universities in the world have clambered to offer massive open online courses (MOOCs) for no credit, this new project marks yet another turning point in online education. It is the first known example of top universities offering fully online, credit-bearing courses to undergraduates who are not actually enrolled at the institutions that are offering them. … Upon completion the students will receive the equivalent number of credits — with the institution’s seal of approval. The company and the universities will share any revenue that comes from the project.“ (Quelle: http://www.insidehighered.com/news/2012/11/16/top-tier-universities-band-together-offer-credit-bearing-fully-online-courses#ixzz2ljiAw0N4)

Aus didaktischer Sicht erscheint diese Entwicklung durchaus vernünftig und letztlich auch unvermeidbar: Durch Methodenvielfalt, „persönlichere“ Betreuung und geregeltes Assessment soll die didaktische Qualität der Angebote sichergestellt werden. Einige der Kritikpunkte an MOOCs werden damit aufgenommen (siehe dazu z.B. das Urteil von Rolf Schulmeister).

Allerdings stellt sich im selben Moment die Frage: Sind das noch MOOCs? Die Kurse sind weder „massive“, noch wirklich „open“. Letztlich scheinen die MOOC-Anbieter wie auch die Hochschulen als Partner gerade die Idee von Blended Learning Angeboten wieder zu entdecken, d.h. technologiebasierte Lehre so zu gestalten, dass über methodische Vielfalt und „persönliche“ Interaktionen schliesslich ein konstruktives pädagogisches Klima geschaffen wird. Interessant, dass es  zunächst den MOOC-Hype brauchte, um diese „Innovation“ für Hochschulen attraktiv werden zu lassen.

Faculty Development: Für wen und wozu?

Die Frage in der Überschrift erscheint auf den ersten Blick natürlich reichlich einfältig. Faculty Development (FD) im Rahmen der pädagogischen Hochschulentwicklung zielt darauf, Lehrende zu „guter Lehre“ zu befähigen. Das Team Hochschulentwicklung – allen voran Marion Lehner und Taiga Brahm – sind in diesem Zusammenhang dabei, eine Neukonzeption für das FD an der Universität St.Gallen zu entwickeln. Auf dem Weg von einem hochschuldidaktischen Ausbildungsprogramm zu einem umfassenden lehrorientierten FD geht es unter anderem darum, die persönliche Entwicklung der Lehrenden stärker in den Mittelpunkt zu stellen und gegenüber den inhaltlichen Elementen (im Wesentlichen traditioneller Weiterbildung in Form von Präsenzkursen) zu stärken. Ein persönliches Lehrprojekt wird dazu ebenso beitragen wie verstärkte Mentoring-Elemente und eine bessere Verzahnung mit den Studienprogrammen. So wird das FD durch die Einbindung etablierter Professoren als Mentoren/-innen einerseits eine bessere Verknüpfug zur akademischen Karriereentwicklung erfahren. Andererseits sollen die Programmleitenden aktiv bei der Entwicklung und Umsetzung von Ideen für die Lehrprojekte eingebunden werden.

Vergangene Woche wurde dieses Konzept einem grösseren Kreis interessierter Personen, insbesondere aus den Services sowie Vertretern/-innen des Mittelbaus, vorgestellt. Die umfassenden und wertvollen Rückmeldungen in diesem Kreis boten Anlass, einige grundsätzliche Fragen zu überdenken, die vielleicht nicht nur für unser Projekt, sondern für pädagogische Hochschulentwickler/-innen bzw. Hochschuldidaktiker/-innen allgemein interessant sein könnten. Zunächst wurden folgende Herausforderungen deutlich:

  • Zahlreiche Themen, die für die Lehrqualität ausserordentlich relevant sind, liegen nicht oder nur teilweise in unserem Blickfeld. Beispiele sind hier etwa Fragen der psychischen Belastbarkeit von Lehrenden und Studierenden, Herausforderungen im Rahmen der akademischen Karriereentwicklung, oder die inhaltlich/thematische Weiterentwicklung Nachwuchslehrender.
  • Viele Lehrende sind – zumindest an unserer Hochschule – sowohl für die Hochschulentwicklung als auch für die Servicestellen schwer zu erreichen. Dies gilt insbesondere für externe Lehrbeauftragte. Hier kann die Lehrqualität allein schon dadurch beeinträchtigt werden, dass zentrale Prozesse nicht bekannt oder die eigene Programmzugehörigkeit nicht klar ist.
  • Obwohl unsere Universität vergleichsweise klein und thematisch konzentriert ist, gibt es doch wesentliche Unterschiede in der Lehrorganisation der Schools (Fakultäten). Die disziplinäre Zuordnung der Lehrenden spielt also auch bei uns eine wichtige Rolle, da sich etablierte Lehrpraktiken und Lernkulturen selbst zwischen so verwandten Fächern wie Betriebs- und Volkswirtschaft doch wesentlich unterscheiden können.

Diese Erkenntnisse sind jetzt nicht besonders überraschend, sie werfen für die Gestaltung des FD aber doch ganz zentrale Fragen auf: Sollen wir uns auch um Fragen der Lehrorganisation an unserer Hochschule kümmern, wo es uns doch eigentlich darum geht, „gute Lehrende“ aus pädagogisch-didaktischer Sicht zu fördern? Anders ausgedrückt: Wollen und können wir „gute Lehre“ für sich selbst genommen fördern, oder geht es darum, gutes Lehren an der Universität St.Gallen zu unterstützen?  Darüber kann man sich schon etwas länger den Kopf zerbrechen, denn die Antwort ist nicht so eindeutig: Natürlich erheben wir aus pädagogisch-didaktischer Sicht den Anspruch, grundlegende Handlungskompetenzen für die Hochschullehre zu fördern. Die Absolvierenden unseres FD-Programms sollen auch an anderen Hochschulen gute Lehre betreiben können. Auf der anderen Seite vertreten wir als Hochschulentwickler/-innen aber auch den Anspruch, die Lehre an unserer Universität beständig weiter zu entwickeln. Und um über das FD möglichst unmittelbare Wirkung auf das Lehrhandeln der Dozierenden zu erzielen, ist eben eine sehr enge Verknüpfung mit den spezifischen Gegebenheiten an unserer Universtität ganz entscheidend.

Unser konkretes Fazit: Wir werden bei der Gestaltung des Faculty Development verstärkt darum bemüht sein, Kolleg/-innen aus anderen Bereichen der Universität (z.B. Beratungsstellen, Forschungs- und Karriereförderung, Lehradministration, Fakultäten) an geeigneten Stellen in das FD einzubinden.

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Rückblick auf das Strategie-Meeting bei oikos international

Letzten Freitag war ich bei einem Strategiemeeting von oikos international zu Gast. oikos international ist eine Organisation von Studierenden, die im Jahr 1987 in St. Gallen gegründet wurde. Inzwischen umfasst oikos international 40 so genannte „Chapter“, die in Europa, Asien, Nord-Amerika und neuerdings auch in Afrika agieren. Oikos international beschreibt seine Vision auf der Website wie folgt:

„we today empower future leaders to drive change towards sustainability worldwide”

Gerne möchte ich den Ablauf des Treffens als Reflexionsanlass für diesen Blog-Beitrag nutzen. Dabei ist es mir natürlich ein Anliegen, keine Details über den Strategieprozess zu verbreiten. Ziel ist dagegen, über den Prozess der Strategieentwicklung zu reflektieren und daraus Erkenntnisse mit Relevanz für die Hochschulentwicklung zu transferieren. Dabei steht also die Methodik des Strategietreffens im Vordergrund.

Das Treffen hatte zum Ziel, Experten/-innen mit einer Affinität zum Thema „nachhaltige Entwicklung“ zum momentanen Stand des Strategieprozesses von oikos international zu Wort kommen zu lassen. In Vorbereitung auf das Treffen wurden Unterlagen zu oikos und zu den momentanen strategischen Überlegungen verschickt. Die Unterlagen wurden von den Verantwortlichen dann im Rahmen des Treffens nochmals rekapituliert. Interessant wurde das Format dann am Ende des Vormittags: Die Experten/-innen nahmen in einem Fishbowl-Setting Stellung zum aktuellen Stand der Strategieentwicklung zu beziehen.

Bildquelle: Fishbowl-Setting mit Experten/-innen innen (bunte Kreise) und Vertreter/-innen von oikos international aussen (grüne Kreise).

Ziel war es in einer ersten Runde, die Eindrücke offen zu reflektieren, um möglich „blinde Flecken“ in der Strategiearbeit zu identifizieren. Über die Diskussion der Experten/-innen stellten sich verschiedene Unklarheiten heraus, die in einem kurzen Intermezzo von den Vertretern/-innen von oikos international kommentiert wurden. In der zweiten Fishbowl-Runde wurden dann bereits Ideen gesammelt, wie den blinden Flecken begegnet werden könnte. Am Nachmittag wurden die Experten/-innen getrennt, um zwei spezifische Fragestellungen zu diskutieren. Als Abschluss konnten dann alle Beteiligten nochmals Fragestellungen im Sinne einer Open Space-Diskussion einbringen.

Die Fishbowl-Methode erscheint mir – auch im Nachgang – sehr geeignet, um eine Diskussion von mehreren Experten/-innen anzuregen. Wesentlich ist, dass vorher ein gemeinsames Verständnis des genauen Ziels der Fishbowl entwickelt wird, z. B. über Verständnisfragen vorab oder kürzere Kleingruppendiskussionen im Vorfeld zur Fishbowl. Denkbar wäre auch gewesen, dem Open Space zum Abschluss des Strategie-Tages einen grösseren Raum einzuräumen, um den verschiedenen in der Fishbowl aufgekommenen Aspekten besser nachgehen zu können.

Aus inhaltlicher Sicht war es ebenfalls spannend, die Parallelen in den Überlegungen von oikos international und unserem Projekt zur Förderung Einführung von „Nachhaltiger Entwicklung“ als Kernthema im Bachelor BWL zu beobachten. Oikos international hat ebenfalls zum Ziel, die Curricula an Business Schools so zu verändern, dass Nachhaltigkeit eine grössere Rolle spielt. Dabei sind für oikos die Studierenden die wichtigste Akteursgruppe, während in unserem Projekt die Dozierenden der Pflichtveranstaltungen im Bachelor BWL im Moment noch unsere wichtigsten Ansprechpartner/-innen sind. Zukünftig ist es sicher wesentlich, mit den Studierenden noch stärker ins Gespräch zu kommen. Hier sind oikos international und insbesondere auch das Chapter in St. Gallen wichtige Impulsgeber für unseren Prozess zur  an der HSG. Nicht nur aus diesem Grund war das Zusammentreffen mit den Kollegen/-innen von oikos und anderen Experten/-innen im Feld sehr wertvoll.

 

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Herausforderungen der Lehrevaluation – Beitrag in der Zeitschrift „Forschung & Lehre“

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Forschung & Lehre“ wird das Thema Lehrevaluation beleuchtet. Tobias Wolbring, Post-Doc an der ETH Zürich und Autor des Buches „Fallstricke der Lehrevaluation“ weist nach, dass die Evaluation einer Lehrveranstaltung nicht nur durch die eigentlich zu messende Lehrqualität, sondern auch durch weitere Faktoren beeinflusst wird.

Lehrveranstaltungsevaluationen werden inzwischen flächendeckend eingesetzt und mit einer positiven Bewertung werden häufig (finanzielle) Anreize für gute Lehre oder auch Entscheidungen in Berufungsverfahren verbunden. Allerdings setzt eine solche Nutzung der Evaluationen voraus, dass diese einerseits das messen, was sie zu messen vorgeben (also die Lehrqualität), andererseits aber auch über Veranstaltungen hinweg vergleichbar sind. Dieser Blogbeitrag geht auf Basis des Artikels von Tobias Wolbring der Frage nach, inwieweit diese beiden Voraussetzungen erfüllt sind.

In empirischen Untersuchungen der Lehrevaluationen an der LMU München konnte Tobias Wolbring nachweisen, dass sich die Bewertung aufgrund folgender Faktoren der Studierenden systematisch unterscheidet:

  • Note der Hochschulzugangsberechtigung
  • Personen mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunktfach in der Schule
  • Wahlveranstaltungen gegenüber Pflichtveranstaltungen und
  • Vorinteresse an den Veranstaltungsinhalten.

Neben diesen Unterschieden in der studentischen Erwartungshaltung gibt es weitere Einflussfaktoren auf die Lehrevaluation, die ausserhalb der eigentlichen Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden liegen. Beispiele hierfür sind die physische Attraktivität der Dozierenden sowie Zeitpunkt der Notenerhebung. Während der erste Effekt im Durchschnitt nicht sehr ausgeprägt ist, bedeutet eine anspruchsvolle Klausur (welche vor dem Zeitpunkt der Evaluation) stattfindet, automatisch eine schlechtere Lehrevaluation. Die Evaluation bewertet in diesem Fall also nicht die eigentliche Lehrqualität, sondern andere – bestenfalls zumindest noch mit der Lehre im Zusammenhang stehende – Aspekte.

Zusätzlich zu den oben genannten Einflussfaktoren auf Seiten der Studierenden hat auch die Befragungsart (online oder per Papier) und die damit verbundene Teilnehmerschaft an der Evaluation einen Einfluss auf die Evaluationsergebnisse. Insbesondere bei papierbasierten Evaluationen am Semesterende werden diejenigen, die nicht mehr an der Lehrveranstaltung teilnehmen, nicht mehr erreicht. Diese sind aber tendenziell unzufriedener. Auch bei empirischen Untersuchungen wurde dieser Zusammenhang nachgewiesen. Es kann also auch aufgrund dieser Einflussfaktoren nicht von einer Vergleichbarkeit der Lehrevaluationen ausgegangen werden.

Letztlich bedeutet dies natürlich nicht, dass Lehrevaluationen nicht ein sehr sinnvolles Reflexionsinstrument für Lehrende darstellen. Allerdings sind die Ergebnisse und insbesondere ein Vergleich über mehrere Veranstaltungen hinweg mit Vorsicht zu betrachten. Wie auch der Ursprungsartikel von Tobias Wolbring ist auch dieser Beitrag „keineswegs als Plädoyer für die Abschaffung studentischer Lehrveranstaltungsbewertungen zu verstehen“! Es sei allerdings vor den möglichen negativen Folgen eines unreflektierten Einsatzes der Lehrevaluationen gewarnt.

Quelle: Wolbring, T. (2013). Fallstricke der Lehrevaluation. In: Forschung & Lehre, 20(12). Online verfügbar unter http://www.forschung-und-lehre.de/wordpress/?p=14868

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Entwicklung von Lernzielen für universitäre (Weiter-)Bildungsveranstaltungen

Workshop im Rahmen der Tagung zu „Guter Lehre“ an der Universität Bern am 08.11.2013

Am 08. November 2013 fand an der Universität Bern die Tagung „Die ’’gute’’ Hochschullehre in der Hochschulweiterbildung“ statt. Die etwa 100 Teilnehmer, überwiegend aus dem deutschsprachigen Teil der Schweiz sowie aus Deutschland, waren der Community der Hochschuldidaktiker und -entwickler der Universitäten und Fachhochschulen zugehörig. Nach Plenumsvorträgen folge eine Session mit drei parallel laufenden Workshops. Ganz besonders interessant fand ich den angebotenen Workshop von Dr. Martin Wild-Näf und Judith Studer von der Fachhochschule Bern, der die Erarbeitung von Learning Outcomes thematisierte. Sicherlich stellt dies kein brandneues Thema dar – jedoch war die Darstellung der einzelnen Schritte ebenso gut strukturiert wie praxisnah und somit ein wertvoller Beitrag für die Anwesenden.

Deutlich wurde von den Vortragenden hervorgehoben, dass das Festsetzen der Lernziele eine wichtige Basis für ein ganzes Studienprogramm oder einen einzelnen Kurs darstellt. Um zu den Learning Outcomes zu gelangen, sind die Handlungssituationen zu analysieren, in denen sich die Lernenden im Alltag wiederfinden und mit Problemen konfrontiert werden. Hier wäre eine erste Frage:

1.       Zu welchem Handeln sollen die Lernenden befähigt werden?

Direkt hieraus ergibt sich die Frage nach den benötigten Kompetenzen, um in diesem Handlungsfeld bestehen zu können:

2.       Wie sieht ein zugrundeliegendes Kompetenzprofil aus?

Der Blick sollte zum einen in die Berufspraxis gehen. Hier könnten rechtliche Vorgaben oder Stellenanzeigen Hinweise darauf geben, welche Kompetenzen gefordert werden. Hier wird die grösste Herausforderung gesehen, „korrekte“ Kompetenzprofile zu erstellen – also die Passung zum Arbeitsmarkt, i. d. R. zu Anforderungen an Arbeitnehmer in öffentlichen und privaten Insitutionen, herzustellen. Da die Betrachtung der Vortragenden durch die Linse der Fachhochschulen erfolgte, wäre noch zu bedenken, dass eine Universität die Wissenschaft als weiteren Stakeholder am Arbeitsmarkt zu berücksichtigen hat. Anbieter von (Weiter-)Bildungsveranstaltungen wurden weiterhin von den Vortragenden als kreative Köpfe angesehen: Um den Markt weiterentwickeln zu können, bedarf es einer Reflexion seitens des Anbieters, welches Ziel mit den angebotenen Formaten langfristig angesteuert werden soll. Sicherlich ist an dieser Stelle auch die Anschlussfrage zu stellen, ob ein Kompetenzprofil neben dem direkten beruflichen Bezug nicht auch noch breitere Aspekte, wie z. B. die Allgemeinbildung, beinhalten sollte.

In einem nächsten Schritt werden erarbeitete Kompetenzen operationalisiert bzw. konkretisiert. Folgende Fragen können im weiteren Vorgehen unterstützen:

3.       Welche Inhalte unterstützen die Lernzielerreichung am besten?

Sowohl die Voraussetzung der Teilnehmenden als auch fachdisziplinäre Schwerpunkte sind in der inhaltlichen Abstimmung zu bedenken. Abschliessend sind Gedanken zum richtigen „Mix“, d. h. zur Gestaltung des gesamten Curriculums notwendig.

 4.       Welcher Mix angebotener Formen von Kompetenzerwerb wirkt am besten? Welche Inhalte könnten zum Block gebündelt werden? Welche Nachweise und welche Sequenzierung macht Sinn?

Über die Verdeutlichung des angestrebten Kompetenzprofils der Absolventen kann das Curriculum gesteuert werden und so eine Passung von Profil – Inhalt – Nachweis erreicht werden. Eine Zusammenarbeit mit der Berufspraxis und den bisherigen und zukünftigen Dozierenden/Lehrbeauftragten erscheint in diesem Zusammenhang als sehr wichtig. Die auf der Tagung vorgestellten Schritte und Implikationen zur Lernzielentwicklung decken sich mit unserem eigenen Verständnis der Kompetenzorientierung bei der Curriculumsgestaltung auf Programmebene und wird auch so von uns im Beratungsprozess der Studienprogramme umgesetzt (Brahm & Jenert, 2013).

 

Weitere Informationen finden sich in einem Beitrag des Berner Uni-Magazins.

Quelle:

Brahm, T. & Jenert, T. (2013). Herausforderungen der Kompetenzorientierung in der Studienprogrammentwicklung. In Zeitschrift für Hochschulentwicklung, 8(1); 7-14.