Archiv für den Monat: Dezember 2013

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Herausforderungen der Lehrevaluation – Beitrag in der Zeitschrift „Forschung & Lehre“

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Forschung & Lehre“ wird das Thema Lehrevaluation beleuchtet. Tobias Wolbring, Post-Doc an der ETH Zürich und Autor des Buches „Fallstricke der Lehrevaluation“ weist nach, dass die Evaluation einer Lehrveranstaltung nicht nur durch die eigentlich zu messende Lehrqualität, sondern auch durch weitere Faktoren beeinflusst wird.

Lehrveranstaltungsevaluationen werden inzwischen flächendeckend eingesetzt und mit einer positiven Bewertung werden häufig (finanzielle) Anreize für gute Lehre oder auch Entscheidungen in Berufungsverfahren verbunden. Allerdings setzt eine solche Nutzung der Evaluationen voraus, dass diese einerseits das messen, was sie zu messen vorgeben (also die Lehrqualität), andererseits aber auch über Veranstaltungen hinweg vergleichbar sind. Dieser Blogbeitrag geht auf Basis des Artikels von Tobias Wolbring der Frage nach, inwieweit diese beiden Voraussetzungen erfüllt sind.

In empirischen Untersuchungen der Lehrevaluationen an der LMU München konnte Tobias Wolbring nachweisen, dass sich die Bewertung aufgrund folgender Faktoren der Studierenden systematisch unterscheidet:

  • Note der Hochschulzugangsberechtigung
  • Personen mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunktfach in der Schule
  • Wahlveranstaltungen gegenüber Pflichtveranstaltungen und
  • Vorinteresse an den Veranstaltungsinhalten.

Neben diesen Unterschieden in der studentischen Erwartungshaltung gibt es weitere Einflussfaktoren auf die Lehrevaluation, die ausserhalb der eigentlichen Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden liegen. Beispiele hierfür sind die physische Attraktivität der Dozierenden sowie Zeitpunkt der Notenerhebung. Während der erste Effekt im Durchschnitt nicht sehr ausgeprägt ist, bedeutet eine anspruchsvolle Klausur (welche vor dem Zeitpunkt der Evaluation) stattfindet, automatisch eine schlechtere Lehrevaluation. Die Evaluation bewertet in diesem Fall also nicht die eigentliche Lehrqualität, sondern andere – bestenfalls zumindest noch mit der Lehre im Zusammenhang stehende – Aspekte.

Zusätzlich zu den oben genannten Einflussfaktoren auf Seiten der Studierenden hat auch die Befragungsart (online oder per Papier) und die damit verbundene Teilnehmerschaft an der Evaluation einen Einfluss auf die Evaluationsergebnisse. Insbesondere bei papierbasierten Evaluationen am Semesterende werden diejenigen, die nicht mehr an der Lehrveranstaltung teilnehmen, nicht mehr erreicht. Diese sind aber tendenziell unzufriedener. Auch bei empirischen Untersuchungen wurde dieser Zusammenhang nachgewiesen. Es kann also auch aufgrund dieser Einflussfaktoren nicht von einer Vergleichbarkeit der Lehrevaluationen ausgegangen werden.

Letztlich bedeutet dies natürlich nicht, dass Lehrevaluationen nicht ein sehr sinnvolles Reflexionsinstrument für Lehrende darstellen. Allerdings sind die Ergebnisse und insbesondere ein Vergleich über mehrere Veranstaltungen hinweg mit Vorsicht zu betrachten. Wie auch der Ursprungsartikel von Tobias Wolbring ist auch dieser Beitrag „keineswegs als Plädoyer für die Abschaffung studentischer Lehrveranstaltungsbewertungen zu verstehen“! Es sei allerdings vor den möglichen negativen Folgen eines unreflektierten Einsatzes der Lehrevaluationen gewarnt.

Quelle: Wolbring, T. (2013). Fallstricke der Lehrevaluation. In: Forschung & Lehre, 20(12). Online verfügbar unter http://www.forschung-und-lehre.de/wordpress/?p=14868

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Entwicklung von Lernzielen für universitäre (Weiter-)Bildungsveranstaltungen

Workshop im Rahmen der Tagung zu „Guter Lehre“ an der Universität Bern am 08.11.2013

Am 08. November 2013 fand an der Universität Bern die Tagung „Die ’’gute’’ Hochschullehre in der Hochschulweiterbildung“ statt. Die etwa 100 Teilnehmer, überwiegend aus dem deutschsprachigen Teil der Schweiz sowie aus Deutschland, waren der Community der Hochschuldidaktiker und -entwickler der Universitäten und Fachhochschulen zugehörig. Nach Plenumsvorträgen folge eine Session mit drei parallel laufenden Workshops. Ganz besonders interessant fand ich den angebotenen Workshop von Dr. Martin Wild-Näf und Judith Studer von der Fachhochschule Bern, der die Erarbeitung von Learning Outcomes thematisierte. Sicherlich stellt dies kein brandneues Thema dar – jedoch war die Darstellung der einzelnen Schritte ebenso gut strukturiert wie praxisnah und somit ein wertvoller Beitrag für die Anwesenden.

Deutlich wurde von den Vortragenden hervorgehoben, dass das Festsetzen der Lernziele eine wichtige Basis für ein ganzes Studienprogramm oder einen einzelnen Kurs darstellt. Um zu den Learning Outcomes zu gelangen, sind die Handlungssituationen zu analysieren, in denen sich die Lernenden im Alltag wiederfinden und mit Problemen konfrontiert werden. Hier wäre eine erste Frage:

1.       Zu welchem Handeln sollen die Lernenden befähigt werden?

Direkt hieraus ergibt sich die Frage nach den benötigten Kompetenzen, um in diesem Handlungsfeld bestehen zu können:

2.       Wie sieht ein zugrundeliegendes Kompetenzprofil aus?

Der Blick sollte zum einen in die Berufspraxis gehen. Hier könnten rechtliche Vorgaben oder Stellenanzeigen Hinweise darauf geben, welche Kompetenzen gefordert werden. Hier wird die grösste Herausforderung gesehen, „korrekte“ Kompetenzprofile zu erstellen – also die Passung zum Arbeitsmarkt, i. d. R. zu Anforderungen an Arbeitnehmer in öffentlichen und privaten Insitutionen, herzustellen. Da die Betrachtung der Vortragenden durch die Linse der Fachhochschulen erfolgte, wäre noch zu bedenken, dass eine Universität die Wissenschaft als weiteren Stakeholder am Arbeitsmarkt zu berücksichtigen hat. Anbieter von (Weiter-)Bildungsveranstaltungen wurden weiterhin von den Vortragenden als kreative Köpfe angesehen: Um den Markt weiterentwickeln zu können, bedarf es einer Reflexion seitens des Anbieters, welches Ziel mit den angebotenen Formaten langfristig angesteuert werden soll. Sicherlich ist an dieser Stelle auch die Anschlussfrage zu stellen, ob ein Kompetenzprofil neben dem direkten beruflichen Bezug nicht auch noch breitere Aspekte, wie z. B. die Allgemeinbildung, beinhalten sollte.

In einem nächsten Schritt werden erarbeitete Kompetenzen operationalisiert bzw. konkretisiert. Folgende Fragen können im weiteren Vorgehen unterstützen:

3.       Welche Inhalte unterstützen die Lernzielerreichung am besten?

Sowohl die Voraussetzung der Teilnehmenden als auch fachdisziplinäre Schwerpunkte sind in der inhaltlichen Abstimmung zu bedenken. Abschliessend sind Gedanken zum richtigen „Mix“, d. h. zur Gestaltung des gesamten Curriculums notwendig.

 4.       Welcher Mix angebotener Formen von Kompetenzerwerb wirkt am besten? Welche Inhalte könnten zum Block gebündelt werden? Welche Nachweise und welche Sequenzierung macht Sinn?

Über die Verdeutlichung des angestrebten Kompetenzprofils der Absolventen kann das Curriculum gesteuert werden und so eine Passung von Profil – Inhalt – Nachweis erreicht werden. Eine Zusammenarbeit mit der Berufspraxis und den bisherigen und zukünftigen Dozierenden/Lehrbeauftragten erscheint in diesem Zusammenhang als sehr wichtig. Die auf der Tagung vorgestellten Schritte und Implikationen zur Lernzielentwicklung decken sich mit unserem eigenen Verständnis der Kompetenzorientierung bei der Curriculumsgestaltung auf Programmebene und wird auch so von uns im Beratungsprozess der Studienprogramme umgesetzt (Brahm & Jenert, 2013).

 

Weitere Informationen finden sich in einem Beitrag des Berner Uni-Magazins.

Quelle:

Brahm, T. & Jenert, T. (2013). Herausforderungen der Kompetenzorientierung in der Studienprogrammentwicklung. In Zeitschrift für Hochschulentwicklung, 8(1); 7-14.